Die SEESTADT ist der zweite Stadtteil von Bregenz, den wir ins Zentrum der Aufmerksamkeit rücken w ollen. Und wie schon im Zusammenhang mit der FLUSSSTADT, möchten wir auch dieses Mal genauer erläutern, was wir darunter verstehen.
Die SEESTADT umfasst einen großen Teil dessen, was in Fremdenverkehrsprospekten von Bregenz gezeigt wird, allerdings auch einiges darüber hinaus. Naturgemäß gehört der Hafen, die Pipeline bis hinaus zum Militärbad dazu, und in die andere Richtung das Festspielhaus, sowie das Strandbad mit dem neuen Hallenbad. Ein wesentlicher Teil ist selbstredend das Stadtzentrum, also der Kornmarktplatz mit Vorarlbergmuseum, Landestheater und KUB, sowie die Montfort-, Kaiser-, Rathaus- und Antonschneiderstraße mit dem Leutbühl. Ebenso dazu gehören die immer ruhiger werdenden Straßen, die bis zum Tannenbach und vom See weg Richtung Berg hinaufführen, mittendrin die Talstation der Pfänderbahn, mit deren Gondeln man sich über den Pfänderhang hinausheben lassen kann, den wir wegen seiner grandiosen Sicht über den Bodensee ebenfalls zur SEESTADT zählen.
Diese Fernsicht wurde schon von den alten Römern geschätzt und ist heute noch immer etwas wert, was an den architektonischen Besonderheiten zu erkennen ist, die sich die Reichen der Stadt an den Hang hinauf gebaut haben.
Kirchstraße und Maurachgasse ordnen wir nicht der SEESTADT zu, sondern dem Viertel, das wir zusammenfassend ALTSTADT nennen, die Gründe dafür erfahren Sie in einem der nächsten Bände.
Soweit die Sightseeing-Tour, die für unser Projekt allerdings von untergeordneter Bedeutung ist, denn wir haben uns vorgenommen, die Leseorte für die Bregenzer Literaturtage jeweils in Quartieren anzusiedeln, die gewöhnlich links liegen bleiben. In der FLUSSSTADT war es die Achsiedlung und in der SEESTADT wird es das Weiherviertel sein, das wir vor den Vorhang holen wollen.
Wir könnten einfach vom Kornmarkt kommend die Montfortstraße überqueren und schon wären wir dort. Aufschlussreicher finden wir allerdings den Zugang von der Bahnhofsseite, deswegen gehen wir zuerst vom Strandbad weiter am Uferweg entlang Richtung Yachthafen und Segelhafen, umrunden das Kloster Mehrerau, das am südlichen Ende unserer SEESTADT liegt, die hier einerseits an die FLUSSSTADT grenzt, andererseits jenen Stadtteil vom See trennt, den wir auf unserem Plan als die VORSTADT bezeichnen.
Auf dem Weg die Mehrerauerstraße zurück Richtung Innenstadt wird die Grenze zwischen SEESTADT und VORSTADT rechterhand deutlich durch den dichten Wald des Wasserschutzgebiets markiert. Die Mehrerauerstraße ist lang und biegt nach dem Stadion auf Höhe des Spielcasinos auf die Brücke ab, die über die Bahngleise und die Bahnhofstraße führt. Vom Scheitelpunkt der Brücke aus schaut man, egal, wohin man sich dreht, auf eine der stadtplanerischen Miseren von Bregenz. (Außer man sitzt im Auto und ist froh, dass die Straßen breit und die Widerstände gegen den Verkehrsfluss möglichst gering sind. In einem anderen Zusammenhang habe ich dieses Gebiet den zugeschnürten Hals der Stadt genannt, denn hier werden durch das absurd querstehende Bahnhofsgebäude, den ihr im Süden vorgelagerten Busparkplatz und die Bundesstraße, die hundert Meter nach der Brücke im Citytunnel verschwindet, auf kürzester Distanz alle Sicht- und Empfindungsachsen derart radikal abgewürgt, dass die Körperteile Innenstadt und VORSTADT kein Gefühl mehr füreinander entwickeln können.)
Möchte man die Quellenstraße der VORSTADT zurechnen, wo sie atmosphärisch unserer Ansicht nach hingehört, wird klar, dass es in dem hier herrschenden Verkehrswirrwarr unmöglich ist, einen klar definierten Weg entlang der Grenze zwischen dem einen und dem anderen zu finden. Besonders nicht, wenn man zu Fuß unterwegs ist. Auf der Suche danach landet man, von der Brücke herunterkommend, unweigerlich auf dem Parkplatz, den sich hier Bauhaus und Lidl teilen. Auf dessen Rückseite befindet sich zum Glück ein schmales Tor im Zaun, durch das man die Klostergasse erreicht, auf der man schließlich ins Weiherviertel kommt. Oder man hält sich rechts, und zieht einen 180-Grad-Bogen in die Augasse, auf der man unter der Römerstraße entlang ebenfalls ans Ziel gelangt.
„Vor Jahren hier der Weiher stand“ ist der Titel eines Buches, das 1994 erschien und das der Geschichte dieses Viertels gewidmet ist. Geschrieben hat es Grete Saiko, die das Schicksal mit vielen Vorarlbergern teilte, die, weil es hier keine Universität gibt, das Land verlassen mussten, um ihre Studienzeit voranders zu verbringen. Grete Saiko blieb einige Jahrzehnte in Wien, unterbrochen nur von kurzen Aufenthalten in den Ferien oder im Urlaub als „ein Tourist auf Bregenzer Boden“, wie sie gestand, und kehrte erst Anfang der 1990er-Jahre hierher zurück, um wieder ins Weiherviertel zu ziehen, in dem sie aufgewachsen war.
An dieser Stelle drängt es mich, ein paar persönliche Anmerkungen zu Grete Saiko zu machen. Ich lernte sie vor etwa 25 Jahren als Stammkundin derselben Buchhandlung am Rand des Weiherviertels kennen, die auch ich häufig frequentierte. Vielleicht zehn oder fünfzehn Mal hatte ich die Gelegenheit, mich dort mit ihr zu unterhalten, was letztlich dazu führte, dass sie großen Einfluss auf mein Leben ausübte. Sie war es nämlich, die meiner heutigen Frau, die eine Stelle in dieser Buchhandlung angenommen hatte, die Zustimmung dafür gab, sich mit mir zu verabreden. Der Mann ist in Ordnung, soll sie gesagt haben. Auch die Leinensakkos, die ich damals trug, fand sie akzeptabel, zumal Leinen ruhig zerknittert sein darf, das wusste sie, denn sie war eine Frau von Welt. Und selbstverständlich wusste sie auch, dass meine Sakkos nicht nur die üblichen Falten hatten, sondern auch abgetragen waren und an manchen Stellen schon ausgeschossen. Ich überspitze, wenn ich vermute, sie betrachtete mich auf eine ähnliche Art wie sie das Weiherviertel betrachtete, das sie in der Vorbemerkung ihres Buches folgendermaßen beschreibt: „Ich finde ein neues altes Viertel, vertraute Winkel und Hinterhöfe, unverändert, teilweise verkommen durch fehlende Obsorge, aber auch alte ebenso wohlbekannte Substanz, gesund und, da sie lebt, in die Gegenwart hineingewachsen und mit ihr verbunden.“
Was das Weiherviertel angeht, trifft diese Beschreibung auch heute noch zu. Im Schatten der Hochhäuser zum Beispiel, die hier in den 1970er-Jahren gebaut wurden, befinden sich, im Grunde nur zweihundert Meter Luftlinie vom Stadtzentrum entfernt, ein paar alte, schon lange verlassene Gebäude, die mittlerweile derart baufällig sind, dass sie eine Gefahr für alle darstellen, die sich, aus welchem Grund auch immer, darin aufhalten. Es bleibt zu hoffen, das Warten auf eine Erneuerung wird sich für die Bregenzer lohnen, und dieser vergessene Teil der Stadt wird nicht nur nach Gesichtpunkten der Verwertungslogik neu gestaltet, sondern mit einem einfühlsamen Blick für das gesamte städtische Gefüge. Wünschenswert wäre, wie immer, eine gut durchmischte Situation aus Gewerbe, Handel und Wohnraum. So wie es hier schon immer war, so zumindest beschreibt es Grete Saiko in ihrem Buch.
Zu seinem Namen kam das Viertel, weil ein paar Quellen, die aus den eiszeitlichen Schichtungen unterhalb des Ölrains hervortraten, hier zu einem Weiher zusammenflossen, um den herum sich seit dem 15. Jahrhundert reges Leben ansiedelte. Am Bach, der den Weiher speiste, standen Mühlen, die Fischer zogen Karpfen in rauen Mengen, auch ein paar Hechte und Schleien aus dem Wasser, und später wurde hier eine Gerberei betrieben, die dieses Wasser nutzte, um die Tierhäute einzuweichen. Die durch die Gerbsäuren verursachten Verschmutzungen blieben bis ins 20. Jahrhundert herauf ein Problem. 1902 wurde der Weiher schließlich abgelassen und auf einem Teil des gewonnenen Grunds entstand später der Park, der heute als ein Spielplatz für Kinder dient. „Aber nicht nur Kinder bevölkern den Park“, schreibt Saiko. „In den letzten Jahren wird er von unseren ausländischen Mitbürgern, die in der St. Annastraße und der Klostergasse leben, zunehmend als zweite Wohnebene benutzt. An schönen Tagen empfindet man hier ein Bild fremder Lebensart und Kultur. Die Frauen und Mütter bevölkern exklusiv jene Bänke in der Nähe von Rutsche und Sandkiste, von wo aus die Kinder genau beobachtet werden, obwohl meist eifrig gestrickt und gehäkelt wird. […] Viele Frauen, außer den ganz jungen, tragen ein helles, meist kleingemustertes Kopftuch. […] Auf der anderen Seite der Anlage, wiederum exklusiv, ist der Platz der Männer. Hier gibt es den gewünschten Kontakt und das notwendige Palaver, die Diskussionen, die wahrscheinlich ähnliche Themen haben, wie wenn unserer Männer einen ‚Hock‘ machen.“
Fast möchte man es bedauern, dass die sozialen und ethnologischen Klischees, die hier anklingen, heute unter unterschiedlichen Aspekten kritisch betrachtet werden. Anders gesagt, es ist schade, wie sehr in den vergangenen drei Jahrzehnten gewisse Schlüsselbegriffe ihre Bedeutung verändert bzw. ihre Unschuld verloren haben. Nach wie vor leben im Weiherviertel Zugezogene und Alteingesessene Tür an Tür und obwohl sich die Zeiten geändert haben, scheint es deshalb keine gröberen Verwerfungen zu geben. Alle, die hier ihr Domizil haben, wissen die ruhige Lage bei gleichzeitiger Nähe zum See, zum Bahnhof und zum Stadtzentrum zu schätzen. Es gibt Leerstände und tote Winkel, das ja, aber es gab in den letzten Jahren auch Zuzug von Handel und Gewerbe, und immer noch befindet sich mitten im Quartier, wie ein Echo aus den Zeiten des Wirtschaftswunders, eine klassische Autowerkstätte.
Alles in allem ist das Weiherviertel also schwer einzuschätzen, und gerade deshalb erscheint es uns der geeignete Spielort für die Bregenzer Literaturtage 2026 zu sein. Grete Saiko, die vor fünfzehn Jahren verstorben ist, würde unserer Wahl sicher sehr begrüßen.
Wolfgang Mörth
